Der große Einfluss psychisch kranker Menschen

Dass gerade einflussreiche Menschen in der Wirtschaft und in der Politik schwere Persönlichkeitsstörungen aufweisen, klingt zunächst ziemlich polemisch, doch dies lässt sich vielfach belegen. Ihre Persönlichkeitsstörungen sind an dem Unheil zu erkennen, das sie anrichten, zum Beispiel an einer zerstörten Umwelt, an einer unmenschlichen Sozialpolitik sowie an der Beteiligung an illegalen Kriegen. Der italienische Psychiater Piero Rocchini, Autor des Buches „Neurose der Macht“, hat jahrzehntelang Senatoren und Abgeordnete des italienischen Parlaments therapiert. Er hält mindestens die Hälfte aller Politiker für ungeeignet, die Geschicke eines Staates zu lenken, da sie hochgradig psychisch krank seien.

In diesem IMPULS-Heft und in den folgenden Ausgaben schildere ich pathologische Krankheitsbilder, die Ihnen sicherlich in irgendeiner Form bekannt sind. Denn erst wenn man begriffen hat, wie psychisch kranke Menschen „ticken“, kann man sich wirkungsvoll gegen deren Machenschaften wappnen.

Zu den besonders problematischen psychisch gestörten Persönlichkeiten gehören der Narzisst, der Soziopath, der Neurotiker und der Psychopath. Weitere Formen sind der Neider, der Autoritäre, der Manipulator, der Pessimist und der Disqualifizierer. (Anmerkung: Wegen der leichteren Lesbarkeit habe ich durchgehend die männliche Form gewählt.)

Beginnen wir mit der vermutlich am weitesten verbreiteten und offensichtlichsten Persönlichkeitsstörung – dem Narzissmus.

Was ist ein Narzisst?

Ein Narzisst kann mit einer leeren Hülle verglichen werden – außen top, innen ein Flop. Die Hülle verdeckt seine innere Leere. Dabei sind seine Präsenz, seine Ausstrahlung und so weiter überaus anziehend. Er ist in der Regel intelligent und beliebt, ferner charmant und liebenswürdig – aber nur, solange er im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Hat man ihn jedoch durchschaut, macht er sich rasch aus dem Staub und sucht sich andere Opfer. Und in unserer oberflächlichen Gesellschaft hat er im Allgemeinen keine Mühe, sie zu finden.

Einem Narzissten ist es nicht möglich, eine erfüllende intime Bindung zu einem Lebenspartner einzugehen oder stabile Freundschaften aufzubauen, da ihm hierzu wertvolle innere Qualitäten fehlen. Er ist unfähig, Empathie zu empfinden, und hat zudem kein Gewissen.

Menschen, die einem Narzissten auf den Leim gegangen sind, können sich schon nach kurzer Zeit als wertlos ansehen und emotional angeschlagen sein. Denn die Problematik, dass ein Narzisst kein echtes Selbstbewusstsein hat, kann unbewusst und ungewollt von jemandem übernommen und auf diese Weise zu dessen Problem werden.

Wer die Signale, an denen ein Narzisst zu erkennen ist, kennt, dem fällt es erheblich leichter, sich aus einer Beziehung mit ihm zu befreien oder zu vermeiden, zu einem seiner Opfer zu werden.

1. „Ich bin der interessanteste Mensch auf der Welt.“

So oder so ähnlich zeigt sich ein Narzisst seinem Umfeld. Dadurch wirkt er anfangs faszinierend und inspirierend, zumal die meisten Menschen auch so sein möchten.

Ein Narzisst will immer im Mittelpunkt stehen, zum Beispiel auf Partys, Feiern oder Festen, und gewöhnlich gelingt ihm das auch, weil er sehr unterhaltsam und witzig sein kann. Doch sobald man ihn demaskiert hat und keine Hochachtung mehr vor ihm empfindet, hat man häufig nur noch Mitleid mit ihm.

2. „Ich bin besser als du!“

Es gibt zwei Varianten, mit einem geringen Selbstbewusstsein umzugehen: Man verkriecht sich in eine Ecke und vegetiert vor sich hin oder man wird zu einem Narzissten und überspielt sein minimales Selbstbewusstsein durch seine äußere Erscheinung, durch Statussymbole sowie eine Körpersprache, die den Eindruck von Überlegenheit und Distanziertheit erwecken soll.

Ein Narzisst hat keine Scheu, sich über Menschen in seiner Umgebung, die über mehr Qualitäten verfügen als er selbst und somit eine Gefahr für sein idealisiertes Selbstbild darstellen, lustig zu machen, diese mit Beleidigungen und Kommentaren abzuwerten oder deren Aussehen ins Lächerliche zu ziehen.

3. „Ich bin ein Opfer, nicht du!“

Ein Narzisst hält sich und nur sich für den Besten, den Stärksten, den Schönsten, den Klügsten … Alles, was sich außerhalb seiner egozentrischen Wahrnehmung abspielt, ist für ihn falsch, dumm, schlecht oder verrückt. 

Schuld an einer Misere sind für ihn immer andere, niemals er selbst. Der Gedanke, dass er dazu beigetragen haben könnte, liegt ihm fern, denn er ist davon überzeugt, unfehlbar zu sein. 

Er verhält sich gleichsam wie ein Fähnchen im Wind, das sich den Wind selbst produziert.

4. „Eine tiefe emotionale Beziehung ist doch nur etwas für Weicheier!“

Der Narzisst gestaltet sein Leben nach seinen egozentrischen Vorstellungen. Dabei vermeidet er, sich in eine tiefere Abhängigkeit von zu einem anderen Menschen zu begeben. Einerseits ist dies aufgrund seiner inneren Leere kaum möglich, andererseits schützt er sich damit selbst, denn er muss damit rechnen, jederzeit entlarvt zu werden.

Die Wünsche und Bedürfnisse seiner Mitmenschen sind ihm ziemlich gleichgültig, deshalb ignoriert er sie geflissentlich. Er verbringt nur dann Zeit mit anderen, wenn ihm danach ist. Deshalb ist es so gut wie unmöglich, eine tiefe emotionale oder intime Beziehung mit einem Narzissten zu haben. Im Grunde liebt ein Narzisst nur sich selbst.

Der Autor und Menschenkenner Oscar Wilde, selbst ein großer Narzisst, drückte es so aus: „Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“

Wo findet man Narzissten?

Der Narzissmus ist ubiquitär. Es gibt praktisch keinen Bereich, in dem Narzissten nicht ihr Unwesen treiben. Wie hoch deren Ansehen in der Gesellschaft ist, hängt davon ab, wie weit sie mit ihrer Ellenbogentaktik gekommen sind.

Am 27. Mai 2015 erschien im „Tagesanzeiger“ ein Interview mit der Psychologin Ruth Enzler unter der Überschrift: „Politik zieht Narzissten den an“. Daraus geht hervor, dass Narzissten insbesondere in der Politik zu finden sind, denn auf der Weltbühne und auf der nationalen Bühne stehen sie im Rampenlicht und werden von ihren Anhängern bewundert. Außerdem genießen sie es, sich in TV-Talkshows einem Millionenpublikum zu präsentieren.     

Viele Politiker meinen, dass sie sich, solange sie „oben“ sind, um die, die „unten“ sind, nicht zu kümmern brauchen, auch wenn sie das nicht zugeben würden. Das kommt in der folgenden Volksweisheit zum Ausdruck: „Politiker sind wie Tauben: Sind sie unten, fressen sie dem Volk aus der Hand, sind sie oben, dann sch... sie ihm auf den Kopf.“

Übersteigerter Narzissmus bei Politikern kann jedoch zu einer extremen Selbstüberschätzung und in der Folge zu einem Machtverlust führen. So dürfte der griechische Exfinanzminister Giannis Varoufakis an seinem Narzissmus gescheitert sein.

Motivationstrainer, die die Teilnehmer an ihren Seminaren „aufheizen“ und zu Höchstleistungen anspornen, gehören mehrheitlich ebenfalls zu den Narzissten. Sie freuen sich über Lob für ihre tolle Motivationstechnik, doch wenn ein Teilnehmer sie zum Beispiel mit den Worten „Bei mir funktionieren Ihre Tipps nicht!“ kritisiert, werfen sie ihm vor, die Tipps nicht verstanden oder falsch angewendet zu haben.

Normalerweise sind nur Teilnehmer, die selbst Narzissten sind, fähig, das in solchen Seminaren Erfahrene und Vermittelte in die Realität umzusetzen.

Sehr oft fühlen sich Narzissten von der Finanzwelt angezogen, denn da geht in erster Linie um Materielles, also um äußere und nicht um innere Werte. Auf jeden Fall lässt sich die Fassade der eigenen Großartigkeit und Genialität mit sehr viel Geld leichter schaffen und aufrechterhalten als ohne. 

Auch prominente Künstler besitzen meist narzisstische Züge, vor allem Schauspieler und Entertainer, denn diese Berufe bieten Selbstdarstellern ausgezeichnete Voraussetzungen.

Auf die Frage, ob man sich umso mehr nach außen darstellen würde, wenn man sich selbst verloren habe, antwortete Frau Enzler:

Ja, viele kompensieren die verlorene Innensicht und das damit verbundene stabile Selbst mit exzessiver Selbstdarstellung, Charme, markiger Rhetorik und dem Drang zum Bewundert-Werden, die von außen kommen muss.

Ein Narzisst nimmt oft Führungspositionen in größeren Firmen ein, denn dort hat er genügend Untergebene, die ihm schmeicheln und ihn hofieren, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Entwickeln sich diese jedoch zu einer potenziellen Gefahr für ihn, unterdrückt er sie oder feuert sie irgendwann, ohne ihre Fähigkeiten oder ihren Wert für das Unternehmen zu berücksichtigen.

Ein untrügliches Anzeichen für Narzissmus ist der Umgang eines Menschen mit Kritik, sowohl mit einer sachbezogenen als auch mit einer persönlichen. Ein Narzisst ist in hohem Maße feedbackresistent, daher reagiert er äußerst empfindlich selbst auf die kleinste Zurechtweisung oder Belehrung. Jede noch so positiv formulierte Kritik prallt an ihm ab wie ein Stein an einem Panzer.

Der richtige Umgang mit Narzissten

„Forscher um Brad Bushman, Professor für Kommunikation und Psychologie an der Ohio State Universität, haben dazu eine Reihe von elf unabhängigen Studien mit insgesamt 2.250 Probanden ausgewertet. Und das Ergebnis ist mehr als verblüffend: Um den Narziss zu entlarven, gibt es einen ganz einfachen Weg ­– fragen Sie ihn!“ (Quelle: karrierebibel.de)

Je narzisstischer eine Persönlichkeit ist, desto eher wird sie demzufolge die Frage, ob sie ein Narzisst sei, mit Ja beantworten. Denn ein Narzisst ist gewöhnlich stolz darauf, einer zu sein, weshalb er meist keinen Grund sieht, dies zu leugnen.

Fraglich ist, ob sich ein Narzisst überhaupt verändern kann, selbst wenn er einsichtig geworden ist und das auch will. Aus meiner Sicht ist es jedenfalls ratsam, sich aus einer Beziehung mit einem Narzissten spätestens dann zu lösen, wenn man beginnt, darunter zu leiden.

Natürlich ist es nicht immer einfach, aus einer derartigen Beziehung auszusteigen, besonders dann nicht, wenn es sich bei dem Narzissten um den Ehepartner handelt und überdies noch Kinder da sind, für die man verantwortlich ist.

Es ist durchaus möglich, mit einem Narzissten, der sich ein gutes und breites Wissen zu einem bestimmten Thema erarbeitet hat, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Man sollte diese Zusammenarbeit aber auf einzelne Bereiche beschränken, sonst riskiert man, dass er ein gutes und wichtiges Projekt an sich reißt, um sich zu profilieren, und es an die Wand fährt.

Fazit

Ein gewisses Maß an Narzissmus oder Egoismus ist in unserer Gesellschaft angebracht und notwendig, mitunter auch zum Selbstschutz. Allerdings dürfen diese Persönlichkeitsmerkmale nicht derart überhandnehmen, dass die Mitmenschen darunter zu leiden haben.

Nach meiner Erfahrung stellen sich Narzissten irgendwann selbst ein Bein und landen auf der Nase. Sie stehen zwar sofort wieder auf und machen weiter, doch sie lernen dadurch nur selten etwas dazu.

Daniel Trappitsch

Artikel erschienen im IMPULS Magazin Nr. 9/18